Vom Verschwiegenen ins kollektive Gedächtnis

Zeitzeugnisse

aus DDR-Bezirken in Sachsen

Neueste zuerst; antichronologisch sortiert


 Bericht eingegangen: April 2026

Kinderkur im Inland

Hinweis: Das Zeitzeugnis wurde als Gesamtbericht dokumentiert.

Bundesland Sachsen

Kinderkur in der DDR 1960er Jahre: Kontrolle, Essenszwang, Disziplinierung und körperliche Zwangssituationen

  • Kurort: DDR-Bezirk Dresden
  • Kurjahr: 1961
  • Kurkind: 7-jähriger Junge
  • Anzahl der Kinderkuren: 1. Kur (insgesamt 1)
  • Grund des Kuraufenthalts: „Magersucht“ (Bezeichnung laut Einverständniserklärung)

Sehr geehrte Damen und Herren,

in Ihrer Liste der Kurheime in der DDR vermisse ich das Kinderkurheim [Ort anonymisiert; Kinderkureinrichtung nachgetragen]. Dort war ich im Sommer 1961 als 7-jähriges untergewichtiges Kind 6 Wochen zur Kur. Vieles von dem, was ich dort erlebt habe, werde ich nie vergessen. An Gutes kann ich mich nicht erinnern.

Als mich meine Eltern nach der Kur in Empfang nahmen und fragten, wie es war konnte ich nur weinen und nichts sagen.
​​Ich erinnere mich insbesondere an Folgendes:

  1. Im Heim herrschte ein strenges unfreundliches Regime und die Bedürfnisse der einzelnen Kinder schienen nicht zu interessieren.

  2. Es gab häufig (gefühlt täglich) dunkle Brötchen, Harzer Käse und Rhabarberkompott mit Haferflocken. Wer nicht alles auf aß wurde beschimpft und bestraft (wie weiß ich nicht mehr).

  3. ​Es gab feste Toilettenzeiten. Die Gruppe musste sich vor der Toilette in Reihe nackt anstellen und die Sekunden des Aufenthalts auf dem Klo wurden gezählt. Dauerte es der Schwester zu lange wurde geschimpft oder man wurde wieder herausgezogen.

  4. Mehrmals wurden wir, nackt auf einem Hocker stehend, mit einer harten Bürste abgebürstet, was sehr weh tat. Es sollte wohl die Durchblutung fördern.

  5. Wir durften mehrere Karten an unsere Eltern „schreiben. Der Text (sinngemäß), dass es uns gut geht und es uns im Heim gefällt, war (zumindest anfangs) vorgedruckt. Wir durften unterschreiben und ein Herz ausmalen.
    Zumindest bei der ersten Karte wurde darauf verwiesen, dass der Heimleiter (war vielleicht bloß der Ehemann der Heimleiterin) Briefmarken sammelt und dass die Eltern ihre Post an die Kinder mit Sonderbriefmarken versehen sollten.

  6. Die Wanderungen, an die ich mich erinnern kann fanden meist entlang der Landstraße statt. Mit einem Handwagen holten wir Mehl von der Mühle und brachten es zum Bäcker, von dem wir die dunklen Brötchen (Schusterjungen?) zum Heim brachten.

  7. Einmal mussten wir an einer tiefen Stelle in einem kalten Bach ([Gewässer anonymisiert]?) baden und durften erst wieder rauskommen, als die Schwestern es erlaubten.

Ich erinnere mich an keine Namen, weder die der Erzieherinnen noch die der anderen Kinder im Kurheim.
Mit Verwunderung habe ich zur Kenntnis genommen, dass es auch Kinder gab, denen es in diesem Heim gut gefallen hat (s. [Quelle anonymisiert]).

Später habe ich gehört (ich erinnere mich weder wann noch von wem), dass das Heim aufgeflogen sei. Die Leiterin sei [Herkunft anonymisiert] gewesen und hätte rechtzeitig fliehen können [...].

Hinweis: Der Kurbericht wurde in Neue Zeitzeugnisse, Zeitzeugnisse gesamt (Inland, Sachsen) und Zeitzeugnisse regional (Sachsen) eingeordnet.


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