Vom Verschwiegenen ins kollektive Gedächtnis

Zeitzeugnisse

aus DDR-Bezirken in Sachsen

Neueste zuerst; antichronologisch sortiert


12. Zeitzeugnis

 Bericht eingegangen: August 2026

Kinderkur im Inland

Hinweis: Das Zeitzeugnis wurde als Gesamtbericht dokumentiert.

Bundesland Sachsen

Kinderkur in der DDR 1980er: Beschämung, Demütigung, Hunger, Kontrolle, Ohnmacht, Strafen, körperliche Gewalt und Langzeitfolgen

​Kurort: DDR-Bezirk anonymisiert (heutiges Sachsen)

  • Kurjahr: 1989
  • Kurkind: 14-jähriges Mädchen
  • Anzahl der Kinderkuren: 1. Kur (insgesamt 1 Kur)
  • Grund des Kuraufenthalts: „Zu dünn, oft krank, psychische Probleme“ (Bezeichnung laut Einverständniserklärung)

Triggerwarnung: Der folgende Bericht enthält Schilderungen von seelischer Belastung und körperlicher Gewalt, die das DDR-Kurkind während der Kinderkur in der DDR erfahren hat.

Bitte achte auf dein Wohlbefinden: Die Inhalte können emotional belastend sein. Atme einmal tief durch, nimm deinen Körper im Hier und Jetzt wahr und mache eine Pause, wenn es dir nicht gut geht. Du kannst das Zeitzeugnis in Abschnitten lesen und jederzeit unterbrechen, um dich nicht zu überfordern.

Ich bin damals gerade 14 Jahre alt geworden als ich zur kur verschickt wurde, weil ich sehr dünn war und ständig krank, ich weiss das ich von einem Krankenhaus ins nächste ging, auch war ich ständiger Bettnässer.
Anders kenne ich meine Kindheit garnicht.
Der erste Tag der Kur fing schon mit anschreien und Demütigungen an, ich weiß das ich stundenlang nur geweint habe.
Je mehr ich geweint habe umso mehr wurde ich zurecht gewiesen und angeschrien.

Worte wie Heulsuse, Taugenichts, und sowas wie dich braucht niemand, liegen mir noch im Ohr.
Dann die Worte die mir täglich präsentiert wurden waren....Deine Eltern haben uns aufgetragen aus dir Versager einen anständigen Menschen zu machen.
Das tat mir am meisten weh, denn ich hatte ja gedacht das ich wegen meiner Krankheiten auf Kur sollte, und nun verstand ich es so, das meine Eltern das wollten weil sie mich nicht mochten und wollten.
Das beschäftige mich seitdem jede Minute.
Ich fühlte mich wirklich als Versager, ich bekam schuldgefühle und das ich es verdient hätte dort zu sein.
Ich ließ dort alles über mich ergehen, wehrte mich nicht ein einziges Mal.
Jeden Morgen mussten wir nackt vor den Zimmern stehen, es waren Zimmer mit Stockbetten.

Immer 4 Kinder Im Zimmer.
Jedenfalls begann der Morgen im kalten Flur, wir mussten uns von oben bis unten trocken abbürsten.
An der Brust tat es mir am meisten weh, wir Mädchen mussten die Brust richtig doll umkreisen, die bürste war so hart und es tat sehr weh.
Schon am dritten Tag hatte ich offene hautstellen unter der Brust.
Ich musste trotzdem weiter bürsten unter Schmerzen.

Danach ging es für einzelne von uns unter die Eis kalte Dusche, der harte strahl tat so weh auf der Wunden haut.
Ich weiss noch das ich oft wie ohnmächtig war, und später wieder im Bett wach geworden bin.
Mir hat die ganze Zeit der kur mein Körper immer nur weh getan.
Das schlimmste aber war für mich das Hungern.
Ich hatte die ganze Kur über immer nur Hunger daran erinnere ich mich ganz stark. Wenn es was zu essen gab hat es gestunken oder war schon verdorben.

Wir mussten es aber trotzdem essen.
Wer sich davon übergeben hatte mußte sein erbrochenes aufessen, denn essen verschwendet man nicht wurde uns gesagt.
Davon hat man dann wieder erbrochen, es war ein schlimmes immer wiederholtes zenarium.
Manche Kinder waren auch auf einmal nicht mehr da obwohl wir zusammen angereist sind.
Fragen durften wir keine stellen dann gab es Strafen.
Obwohl es eigentlich für alles Strafen gab.
Ich bekam auch immer morgends Medikamente mir wurde gesagt das stärkt mich und macht mich gesund.

Mir war davon nur spei übel und ich fühlte mich schlapp und krank.
Ich hatte auch ständig Durchfall.
Auch weiss ich das ich über Unterleib Schmerzen litt.

Auch kann ich mich an daran erinnern das ich oft im Bett aufgewacht bin am helligen Tag, und ich weiß nicht einmal wie ich ins Bett gekommen bin.
Ich war auch oft alleine in einem einzelzimmer mit so einem modrigen Geruch mit einer grün weißen Tapete mit muster.
Die Bettwäsche hat auch so alt und muffig gerochen und nach schweiss.
Wenn ich das hier schreibe muss ich zittern und mir wird kalt,die Gerüche von damals sind in meinem kopf wie abgespeichert.
Mir wird gerade wieder spei übel.
[...]
ich habe dort auch jede Nacht ins Bett gemacht, ich durfte aber auch nicht auf die Toilette, denn ich sollte es aushalten ich war schließlich alt genug dafür.
Ich versuchte dann in der Nacht das feuchte Bett mit meinen anziehsachen trocken zu bekommen bis Zum morgen.
Es gelang mir aber nicht.
Ich wurde dann vor allen Kindern als Bettnässer betietelt und ausgelacht. Ich kann mich auch an kein Frühstück erinnern was ich dort jemals bekommen hatte.
Nur immer an ab uns zu verdorbenes oder übel riechendes Mittagessen.
An Abendessen kann ich mich auch nicht erinnern.
Aber an [Angabe anonymisiert].
Dort gab es [Angaben anonymisiert].
Da habe ich immer [Produktname anonymisiert] in Massen gekauft und diese verschlungen.

​Auch kann ich mich erinnern das ich meinen [Angehöriger anonymisiert] einen Brief geschrieben habe wo ich gesagt habe das ich so Hunger habe und [Pronomen anonymisiert] soll mit bitte essen und Geld schicken. Ich bekam auch ein Paket mit Geld und essen. Aber ich habe es nie gegessen.
Ich wurde in einen Raum gebracht wo ein Stuhl stand.

Ich wurde angeschrien, geschlagen, was mir einfällt das Heim so schlecht zu machen, mir fehlt es doch an nichts, warum ich solche Lügen erzähle
Und das es stimmt was meine Eltern gesagt haben, das ich nur lügen erzähle und Geschichten erfinde.
Und das man mich nun erziehen muss. Alles was in dem Paket war bekam ich am Körper zu spüren.

[Produktnamen anonymisiert] wurden nach mir geworfen, Shampoo Flaschen, Block Schokolade, da stand auch eine [Produkt anonymisiert] Büchse, die ich so gerne gegessen hatte, aus dem delikatladen.
Ich weiss noch wie ich dachte wenn ich die an den Kopf bekomme bin ich tot.
ich hatte höllische angst vor dieser Büchse. Aber diese haben sie nicht geworfen....aber diese Angst davor war schlimm.
Ich spüre diese Angst auch gerade sehr stark.
Es kommt mir vor als saß ich stundenlang auf diesem Stuhl.
Das geld habe ich auch nicht bekommen.
Und seit dem Tag hab ich richtig gehungert.
Ich war nur noch schlapp und müde hab viel geschlafen und garnichts mehr gespürt und mitbekommen
Ich habe dann auch irgendwie Filmrisse.
Kaum noch Erinnerungen.
Auch nicht wie ich Heim gekommen bin.

Ich habe nie mit jemandem damals darüber gesprochen.
Seitdem nur noch Angst in mir Panikattacken waren seitdem an der Tagesordnung.
Ich bin seitdem ein anderer Mensch
Ich leide heute noch an immer wieder kehrenden schlimmen Panikattacken, Angstzuständen, Schlafstörungen, Todesangst, Eßstörungen, ich kann nicht unter vielen Menschen sein, kann nicht alleine einkaufen gehen
Nicht in öffentlichen Verkehrsmitteln fahren
Hab keine Kinder bekommen aus Angst
Keinen Führerschein aus Angst
Ich kann nicht in der Öffentlichkeit essen
Habe Angst vor fremden Menschen
Kann nicht weit von zu Hause weg sein.
Lange autostrecken mit [Angehöriger anonymisiert] da sind Panikattacken vorprogrammiert
Ich habe keine Freunde weil ich es nicht schaffe denen gerecht zu werden, und weil ich immer denke mich mag sowieso keiner.
Es strengt mich zu sehr an und macht mich schnell müde mich mit jemandem zu unterhalten
Eigentlich nehme ich am normalen Leben garnicht teil.
Ich überlebe einfach sag ich mir immer.
Freude am Leben empfinde ich nicht richtig.
ich ziehe es einfach durch.

Hinweis: Der Kurbericht wurde in Neue Zeitzeugnisse, Zeitzeugnisse gesamt (Inland, Sachsen) und Zeitzeugnisse regional (Sachsen) eingeordnet.



 Bericht eingegangen: April 2026

Kinderkur im Inland

Hinweis: Das Zeitzeugnis wurde als Gesamtbericht dokumentiert.

Bundesland Sachsen

Kinderkur in der DDR 1960er Jahre: Kontrolle, Essenszwang, Disziplinierung und körperliche Zwangssituationen

  • Kurort: DDR-Bezirk Dresden
  • Kurjahr: 1961​
  • ​Kurkind: 7-jähriger Junge
  • Anzahl der Kinderkuren: 1. Kur (insgesamt 1)
  • Grund des Kuraufenthalts: „Magersucht“ (Bezeichnung laut Einverständniserklärung)

Sehr geehrte Damen und Herren,

in Ihrer Liste der Kurheime in der DDR vermisse ich das Kinderkurheim [Ort anonymisiert; Kinderkureinrichtung nachgetragen]. Dort war ich im Sommer 1961 als 7-jähriges untergewichtiges Kind 6 Wochen zur Kur. Vieles von dem, was ich dort erlebt habe, werde ich nie vergessen. An Gutes kann ich mich nicht erinnern.

Als mich meine Eltern nach der Kur in Empfang nahmen und fragten, wie es war konnte ich nur weinen und nichts sagen.
​​Ich erinnere mich insbesondere an Folgendes:

  1. Im Heim herrschte ein strenges unfreundliches Regime und die Bedürfnisse der einzelnen Kinder schienen nicht zu interessieren.
    ​
  2. Es gab häufig (gefühlt täglich) dunkle Brötchen, Harzer Käse und Rhabarberkompott mit Haferflocken. Wer nicht alles auf aß wurde beschimpft und bestraft (wie weiß ich nicht mehr).

  3. ​Es gab feste Toilettenzeiten. Die Gruppe musste sich vor der Toilette in Reihe nackt anstellen und die Sekunden des Aufenthalts auf dem Klo wurden gezählt. Dauerte es der Schwester zu lange wurde geschimpft oder man wurde wieder herausgezogen.
    ​
  4. Mehrmals wurden wir, nackt auf einem Hocker stehend, mit einer harten Bürste abgebürstet, was sehr weh tat. Es sollte wohl die Durchblutung fördern.
    ​
  5. Wir durften mehrere Karten an unsere Eltern „schreiben“. Der Text (sinngemäß), dass es uns gut geht und es uns im Heim gefällt, war (zumindest anfangs) vorgedruckt. Wir durften unterschreiben und ein Herz ausmalen.
    Zumindest bei der ersten Karte wurde darauf verwiesen, dass der Heimleiter (war vielleicht bloß der Ehemann der Heimleiterin) Briefmarken sammelt und dass die Eltern ihre Post an die Kinder mit Sonderbriefmarken versehen sollten.
    ​
  6. Die Wanderungen, an die ich mich erinnern kann fanden meist entlang der Landstraße statt. Mit einem Handwagen holten wir Mehl von der Mühle und brachten es zum Bäcker, von dem wir die dunklen Brötchen (Schusterjungen?) zum Heim brachten.
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  7. Einmal mussten wir an einer tiefen Stelle in einem kalten Bach ([Gewässer anonymisiert]?) baden und durften erst wieder rauskommen, als die Schwestern es erlaubten.

Ich erinnere mich an keine Namen, weder die der Erzieherinnen noch die der anderen Kinder im Kurheim.
Mit Verwunderung habe ich zur Kenntnis genommen, dass es auch Kinder gab, denen es in diesem Heim gut gefallen hat (s. [Quelle anonymisiert]).

Später habe ich gehört (ich erinnere mich weder wann noch von wem), dass das Heim aufgeflogen sei. Die Leiterin sei [Herkunft anonymisiert] gewesen und hätte rechtzeitig fliehen können [...].

Hinweis: Der Kurbericht wurde in Neue Zeitzeugnisse, Zeitzeugnisse gesamt (Inland, Sachsen) und Zeitzeugnisse regional (Sachsen) eingeordnet.
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