Vom Verschwiegenen ins kollektive Gedächtnis

Zeitzeugnisse

aus DDR-Bezirken in Mecklenburg-Vorpommern

Neueste zuerst; antichronologisch sortiert


 Bericht eingegangen: Dezember 2025

Auszug aus: Mehrfache Kinderkuren im In- und Ausland, einschließlich Kindergarten- und Schulzeit

Hinweis: Das Zeitzeugnis wurde als Gesamtbericht bei Neue Zeitzeugnisse und Zeitzeugnisse gesamt dokumentiert. Die zum Bericht gehörende Postkarte und Fotos wurden aus Gründen des Schutzes und des Urheberrechts nicht veröffentlicht.

Bericht 2. Kur (Inland)

Bundesland Mecklenburg-Vorpommern

Zweite Kinderkur (plus weitere in dieser Einrichtung) in der DDR 1980er Jahre: Grenzüberschreitungen durch Bezugspersonen, Wegnahme persönlicher Gegenstände, Kontrolle, Briefzensur, Bezeugen von Gewalt an anderem Kind, traumatische Erfahrungen

  • ​Kurort: DDR-Bezirk Rostock
  • Kurjahr: unbekannt (1982–1987)
  • Kurkind: etwa 5-jähriger Junge
  • Anzahl der Kurerfahrungen: 2. Kur (insgesamt 5 plus teilweise mehrfach in einer Einrichtung)
  • Grund des Kuraufenthalts: „Asthma“

Meine Mutter brachte mich nach [Ort anonymisiert] zum Busbahnhof, wo ich einer Person vom DRK übergeben wurde.
Wir stiegen dann in ein Ikarus 280 Reisebus ich saß meistens fast bis hinten.
Wir fuhren über die A4 und A9
an die Ostsee [Mecklenburg-Vorpommern, Ort anonymisiert] nach [Ort anonymisiert][Adresse anonymisiert]. Dies sind zusammengefaste Erinnerungen aus Mehren Aufenthalte in der Einrichtung. 4-7 Jahre war ich alt als ich mehre male dort war. 

Dort angekommen mussten wir aus dem Bus raus. Auf dem Weg zum Eingang standen die Erzieher auf dem Balkon oben rechtsneben dem Haupteingang und „ENDLICH WIEDER FRISCHFLEISCH wurde vom Balkon zu uns runder gerufen von den Erziehern.
Im Eingangsbereich links an dem Brunnen der nicht an wahr, mit Kachel gefliest vorbei war die Abstellkammer, wo Holzschränke drin wahren, mussten wir das Gebäck abstellen und von da aus in den Speisesaal gehen, wo wir in die Gruppen aufgeteilt wurden.

Ich war mehrmals dort immer das gleiche und immer dieselben Erzieher.

Ich habe heute noch das Bild von einer Erzieherin vor Augen eine sehr dicke Frau mit Igelschnitt Frisur und einer Stimme, die durch Mark und Bein ging, ich höre die Stimme heute noch.

In den Schlafsaal im Haupthaus standen viele Betten und dazwischen ein Stuhl, wo unsere Anziehsachen zum Schlafengehen hinlegten werden mussten. Nach dem Ausziehen mussten wir alle vor der Erzieherin in einer Reihe aufstellen und dann guckte sie uns vorne in die Schlüpfer und sagte Schlüpfer Kontrolle“
Auf dem Stuhl lag eine gelbe Bürste mit spitzen Stacheln. Jeden Morgen nach dem Wecken mussten wir uns mit Kreisenden Bewegungen und aufdrücken bis die Haut rot wurde unsre Köper bearbeiten. Wenn man das nicht wollte, hat das der Erzieher gemacht bis das Blut kam es wer gut für die Gesundheit wurde uns eingetrichtert.
Als Ich nachts Angst hatte und nicht schlafen konnte ich war so ca. 5 Jahre alt ich hatte mein Kuscheltier bei mir es war ein Maulwurf und ich weinte sehr. Kam eine Erzieherin rein und gab mir eine Maulschelle auf die Wange ich soll sofort schlafen. Als ich immer noch weinte, musste ich im Schlafanzug und ohne Hausschuhe mich in den kalten Flur stellen. Neben dem Erzieherzimmer.

Wo die Tür ein Spalt offen war, konnte ich in das Erzieherzimmer durch den Spalt sehen. Dort war der Erzieherin mit einem blonden Mädchen im Zimmer. Das Mädchen kannte ich von meinem Nachbartisch. Ich sah, wie die Erzieherin im Zimmer das Mädchen anbrüllte und auf den Boden warf und [Beschreibung körperlicher Gewalt]. Das Mädchen weinte sehr und [Auswirkungen körperlicher Gewalt]. Am nächsten Morgen war das Mädchen nicht mehr da ich habe es nie wieder gesehen. Mir wurde gedroht, wenn ich was erzähle, komme ich in das Heim und meine Eltern ins Gefängnis.
Als ich nach 6 Wochen wieder zu Hause war merkten meine Eltern das mit mir was nicht stimmte ich saß ruhig in der Ecke redete kaum und sprach meine Eltern mit Sie an und fragt leise, ob ich auf Toilette dürfe. Seitdem bekomme ich die Bilder nicht mehr aus dem Kopf und hab Probleme damit.

Am wohlsten fühlte ich mich auf der Krankenstation die Schwester war sehr nett und fürsorglich zu uns. Da war ich sehr gerne und fühlt mich sicher.

Auf dem Spielplatz unterhalb vom Haus habe ich mich immer in den Büschen am Zaun versteckt, um mich vor den Erzieher zu verstecken, aber sie fanden mich und zogen mich an den Ohren heraus was sehr weh tat. Dann der Spruch den ich heute noch höre NICHT SCHON WIEDER DER [Name anonymisiert]. Dieser Satz hat sich bis heute bei mir eingebrannt!

Jeden Abend mussten wir in das Schwesternzimmer und unsere Medikamente abzuholen. Was mir auf viel war das wir jede Woche ein anderes Medikament bekamen in einer anderen Farbe. Auf Nachfrage (wo ich etwas älter war) wurde uns gesagt das sind neue Medikamente, die sind gut und helfen uns. Der Verdacht an Medikamententest an Kindern wurde vom MDR Breits bestätigt. Einmal die Woche mussten wir zum Arzt ins Arztzimmer im Haupthaus im Erdgeschoss, wo wir untersucht wurden und die die Höhensonne bekamen.
Spaziergänge in den Ort [Ort anonymisiert] waren sehr selten und wir durften nicht mit den Leuten reden. Das wurde immer deutlich vor den Spaziergängen gesagt von dem Erzieher.
Am Strand waren wir sehr selten vielleicht 2-mal in den 6 Wochen.

Einmal die Woche war Duschen im Keller unter dem Speisesaal. Wir mussten alle in Gänsemarsch durch das Duschbecken gehen und mussten uns beeilen.
Danach mussten wir zur Erzieherin und uns in einer Reihe nackt aufstellen, wo sie uns mit einem eiskalten Wasserstrahl mit einem schwarzen dicken Schlauch mit einem sehr harten Wasserstrahl abduschte und sagt, ist gut für die Gesundheit.

Es wurde Spielenachmittag veranstaltet und die Post nach Hause musste geschrieben werden einmal die Woche. Die Post wurde zensiert es durfte nix geschrieben werden was nicht positiv war. Was verboten war zum Beispiel Mir geht’s nicht gut holt mich bitte ab. Die Karte wurde vernichtet vom Erzieher. Pakete von zuhause wurden auch kontrolliert vom Erzieher und vor der Gruppe ausgepackt und nur ein kleiner Teil durfte man behalten. So wurde West Schokolade von dem Erzieher sichergestellt und aufbewahrt und nie wieder gesehen. genauso wie das Taschengeld was komischer Weiße nie gereicht hat. Später wo wir nicht mehr so klein waren, wurden wir in dem Jungenhaus untergebracht an der Turnhalle vorbei und die Schlafräume waren etwas kleiner.

Der Haupteingang das Tor zur Hölle mit dem Balkon (Postkarte nicht veröffentlicht)
Der Abstellraum für das Gepäck, wo wir angekommen sind. (Foto nicht veröffentlicht)
Der Speisesaal (Foto nicht veröffentlicht)
Die Turnhalle (Foto nicht veröffentlicht)
Die Dusche im Keller unter dem Speisesaal (Foto nicht veröffentlicht)

Hinweis: Die einzelnen Kurberichte wurden zusätzlich separat in Mecklenburg-Vorpommern, Thüringen und Sachsen-Anhalt sowie im Ausland eingeordnet.


 Bericht eingegangen: Oktober 2025

Auszug aus: Zwei Kinderkuren im Inland

Hinweis: Das Zeitzeugnis wurde als Gesamtbericht bei Neue Zeitzeugnisse und Zeitzeugnisse gesamt dokumentiert.

Bundesland Mecklenburg-Vorpommern

Zweite Kinderkur in der DDR 1980er Jahre: Jugend, Alltag, Ernährung, Körperbild und soziale Beziehungen

  • Kurort: DDR-Bezirk Rostock
  • Kurjahr: 1987
  • Kurkind: 12-jähriges Mädchen
  • Anzahl der Kurerfahrungen: 2. Kur (insgesamt 2)
  • Grund des Kuraufenthalts: „Untergewicht“

Bericht 2. Kur

1987 wurde ich dann erneut auf Kur geschickt. Diesmal auf „Mästkur“, da ich für meine Größe untergewichtig war und zu diesem Zeitpunkt immer noch meistens wenig Freude am Essen hatte. Ich wurde immer als zu dünn gehänselt.

Mit 12 Jahren nimmt man die Dinge schon etwas anders wahr und wird sicher auch anders von den Betreuungspersonen behandelt. So viele Dinge sind mir aus [Ort anonymisiert] aber trotzdem auch nicht in Erinnerung geblieben. Wenn ich so andere Berichte auf Social Media zu diesem Kurheim gelesen habe, denke ich, ich habe damals noch Glück gehabt.

In schlechter Erinnerung ist mir bei [Ort anonymisiert] natürlich das Thema Essen geblieben. Im Ergebnis bin ich ironischerweise dann auch mit weniger auf der Waage wieder nach Hause gekommen. Ich erinnere mich aber an keine konkreten Mahlzeiten außer dem Frühstück. Es gab Brötchen oder vielleicht auch Weißbrot und ich habe sie bevorzugt mit Rübensirup gegessen, den mochte ich wenigstens. Was eklig war, war die Ameisenstraße in den Schränken, in denen das Frühstückszeug aufbewahrt wurde. Am Sirup und der Marmelade klebten dann auch regelmäßig Tierchen. Wir mussten zwar immer saubermachen, aber das hat nicht geholfen. Wir schliefen in diesen barackenartigen Gebäuden, bestimmt mindestens 6 Mädchen auf dem Zimmer. Den Stil fand ich damals von außen zumindest  ganz schön. Holz und freundlich weiß, Bäderarchitektur. Da ich schon mehrmals mit meinen Eltern vorher im [Region anonymisiert] in Urlaub war, habe ich mich dort auch nicht ganz so fremd gefühlt, auch wenn es extrem weit weg von Zuhause war.

Es gab glaub ich Frühsport, definitiv ständig Fußgymnastik (ich kann heute noch Dinge mit meinen Zehen aufheben) und die elendige tägliche Bürstenmassage jeden Morgen. Mache ich heute freiwillig, damals tat es einfach nur weh und war extrem unangenehm. Ich habe aufgrund schlechter Körperhaltung auch Rückenschule. Ein Bewegungs-Spruch ist mir hängen geblieben. „Allah ist groß, Allah ist mächtig, Allahs Bauch ist 3 Meter sechzig. Allahs Bauch ist unser Ziel, drum essen wir so viel.“ Hat ja nun nicht gefruchtet.

Es gab ein Sportfest, es gab Spaziergänge ans Wasser und in den Ort, ich glaube auch mal ein Unterhaltungsprogramm. Briefe/Karten durften wir alleine schreiben. Ob sie kontrolliert wurden, weiß ich nicht. Aber scheinbar ist alles zuhause angekommen. Ich habe von Heimweh geschrieben und dass ich nach Hause möchte. Und dass die Jungs doof sind. Zum letzteren habe ich dann auch eine schriftliche Standpauke von meinem Vater zurückbekommen. Diese Briefe gibt es glaub ich noch irgendwo. Wir hatten in der Zeit auch Unterricht, dann mit den Jungen zusammen, aufgeteilt nach Klassenstufen.

Alles in allem war die Zeit nicht schön, aber aushaltbar. Durch Ferienlageraufenthalte war ich auch den Abschied von Zuhause inzwischen etwas gewohnt. In diesem Alter können sich Kinder ja dann auch untereinander schon etwas Beistand geben. Unsere Gruppe hat jedenfalls gut zusammengehalten und es wurde soweit ich mich erinnere niemand gemobbt. Auch der Kontakt zu den Jungs hat uns sicher etwas von der Situation abgelenkt. Ich war aber dann froh, wieder zuhause zu sein, auch wenn der Abschied von den neuen Freundinnen schwerfiel.

Hinweis: Die erste Kinderkur fand im DDR-Bezirk Suhl statt. Den Bericht von Oktober 2025 finden Sie unter Thüringen → Erste Kinderkur in der DDR 1980er Jahre: Frühkindliche Trennungen, Ängste, Heimweh und bleibende körperliche und seelischen Folgen.


 Bericht eingegangen: Mai 2025

Bundesland Mecklenburg Vorpommern

Kinderkur in der DDR 1960er Jahre: Zwang, Strafen, Krankheiten, Krankenhausaufenthalt und väterliche Abholung      

  • Kurort: DDR-Bezirk Rostock
  • Kurjahr: 1966 oder 1967
  • Kurkind: 5-jähriges Mädchen
  • Anzahl der Kurerfahrungen: 1. Kur (insgesamt 1)
  • Grund des Kuraufenthalts:schlechter Esser

Triggerwarnung – besonders belastendes Zeitzeugnis: Dieses Zeitzeugnis enthält belastende Erinnerungen an Zwang, Strafen, Demütigungen, Isolation, Heimweh und einen Krankenhausaufenthalt.

Bitte achte auf dein Wohlbefinden: Atme einmal tief durch, nimm deinen Körper im Hier und Jetzt wahr und mache eine Pause, wenn es dir nicht gut geht. Du kannst den Bericht in Abschnitten lesen und jederzeit unterbrechen, um dich nicht zu überfordern.

Es gibt keine Unterlagen mehr dazu und von meinen Eltern habe ich auch nur noch erfahren können, dass ich im Alter von 5 Jahren verschickt wurde.
Es gab damals noch sogenannte Vorschuluntersuchungen vor der regulären Einschulung.
Ich war ein agiles, gesundes Kind und auch auf dem, für die Einschulung notwendigen Entwicklungsniveau. Aber ich war sehr schlank und ein sogenannter "schlechter Esser" und so kam es zu dieser Entscheidung. Meine Eltern haben es mit Sicherheit gut gemeint, darüber hinaus handelten sie auch auf Empfehlung des entsprechenden Kinderarztes. So musste ich in ein Kinderkurheim der ehemaligen SV (Sozialversicherung) der DDR. Da meine Mutter bei der SV tätig war, kam es zu dieser Ortsauswahl. Ich weiß nicht mehr ob es im (...) 1966 oder Anfang (...) 1967 war. Das Wetter war sehr kalt, stürmisch und nass. Im (...) '67 wurde ich dann 6 Jahre alt und im September '67 eingeschult.
Geplant waren 6 Wochen Kuraufenthalt.
Ich erinnere mich an einen Zug in meiner Heimatstadt, in den ich einsteigen musste. Drin war es sehr laut, es waren sehr viele andere, mir völlig unbekannte Kinder da. Meine Mutter stand auf dem Bahnsteig und ich musste mich lt. Anweisung einer Begleitperson sofort im Zugabteil  setzen.
Ich durfte nicht mehr ans Fenster zum Winken.
Weitere Erinnerungen an diese lange Fahrt habe ich keine.
Im Kurheim erinnere ich mich an ein Zimmer mit sehr vielen Betten. Wir mussten unsere persönlichen Sachen abgeben und bekamen sie später zugeteilt.
Ich erinnere mich an Kleidung, die gar nicht mir war, aber ich musste alles tragen. Es passte mir nicht.

Toilettengänge waren nur drei Mal am Tag, genau nach den Mahlzeiten erlaubt. Die Toiletten waren hinter dem Speisesaal.
Zu den Mahlzeiten gab es meist irgendwelchen undefinierbaren Brei und es musste immer und alles aufgegessen werden. Wer es nicht in der entsprechenden Zeit schaffte, der blieb sitzen bis der Teller leer war.
Manche Kinder erbrachen sich und mussten das Erbrochene danach essen.
Ich war regelmäßig eine von wenigen Kindern, die im Speisesaal sozusagen "nachsitzen" mussten.
Wir waren dann alleine.
Die anderen Kinder hatten die Toilettenrunde schon hinter sich und waren in den Zimmern.
Natürlich mussten wir Langesser dann auch noch auf die Toilette, was allerdings dann aber verboten war.
Darüber hinaus gab es nur an der Eingangstür zum Vorraum/ Waschraum  der Toiletten das Toilettenpapier. Es hing oben im Türrahmen und wurde  stückweise von den Erwachsenen an die Kinder ausgegeben.
Für 5-Jährige nicht erreichbar!!
So kam es, dass ich eingenässt habe.
Nun wurde mein Fauxpas natürlich schnell bemerkt, oder vielleicht habe ich es auch gebeichtet?
Ich bekam den Befehl mich auf der Stelle- es war im Treppenhaus  auszuziehen und im Waschraum meine Unterwäsche selbst auszuwaschen.
Eine dieser dicken grau uniformierten "Erzieherinnen" hängten dann meine  Wäsche auf einen Heizkörper, eben in diesem Treppenhaus und ich  musste mich, so wie ich war, daneben stellen, bis sie trocken ist.
Ich fühle heute noch diese unendliche Scham, diese Demütigung und Hilflosigkeit, als ich dort nackt stand und andere Kinder gingen hänselnd an mir vorbei.
Mir war sehr kalt und ich weiß nicht wie lange ich dort stand.   Inzwischen war es dunkel und still im Haus und alle anderen Kinder schliefen.
Erlöst wurde ich dann von einer Erzieherin, die nur nachts da war. Sie gab mir ein Nachthemd und schickte mich zum Schlafen. Auch im Bett fror ich noch lange.
Wer in der Nacht austreten musste, dem stand ein Nachttopf zur Verfügung. Einer für alle.
Er wurde abends mitten in den Schlafraum gestellt und war am Morgen übervoll.
Nach und nach wurden Kinder krank. Sie hatten sich mit Masern u/o Keuchhusten infiziert und wurden dann mit einem Krankenwagen abgeholt.
Ich hatte von Anfang an furchtbares Heimweh.
Alles machte mir Angst. Warum musste ich an diesen grauenhaften Ort. Was hatte ich falsch gemacht....?
Ich weinte jede Nacht- heimlich. Wenn es bemerkt wurde, galt man als ungehorsam und musste in der Ecke stehen.
Ich erinnere mich noch an einen Gang zum Strand.
Der Weg ging durch einen kleinen Wald direkt gegenüber des Heimes.
Nur dort hatte ich einen Augenblick das Gefühl frei atmen zu können. Es war sehr kalt und hat geregnet. Ich kam kurz auf die Idee wegzulaufen, aber ich wusste gar nicht in welche Richtung....

Im Heim waren ständig Angst und Heimweh präsent. Wir wurden mit militärischem Drill durch die Tage geführt und öfter auch körperlich gezüchtigt. Manchmal wurden nur Fragen schon bestraft.
Wir waren keine Kinder, wir waren Häftlinge.
So vergingen die Tage....
Nichts Liebevolles, kein nettes Wort, kein Lächeln.....grau uniformierte böse Frauen mit zerfurchten starren Gesichtern erteilten laute Befehle.
Irgendwann bekam ich Fieber und wurde in einem Einzelzimmer ins Bett gepackt. Ich bekam Essen gebracht und mein Töpfchen wurde geleert. Ansonsten war ich 24 Stunden völlig allein.
Ich bin heimlich aufgestanden und habe die Zimmertür geöffnet und einen Spalt aufgelassen. Ich hatte Angst, dort irgendwie vergessen zu werden. Ich hatte Albträume in denen alle Kinder nach Hause fuhren, nur ich war noch in dieser Kammer, ...alleine und vergessen.
Auch ich wurde dann mit einem Krankenwagen in ein Krankenhaus gefahren.
Nach der Kur erfuhr ich, dass es in XXX war. (Das Krankenhaus gibt es inzwischen nicht mehr.)
Dort lag ich wieder in einem großen Zimmer mit vielen Kindern. Einige waren mir noch bekannt.
Dort dufte ich auf Toilette, wann immer ich musste. Das Essen musste nicht aufgegessen werde. Die Schwestern waren sehr nett und machten Spaß mit uns und wir hatten unsere Koffer mit unserer Kleidung bei uns. Damals gab es kaum Telefone. Ein Brief von meinen Eltern, wurde mir im Kurheim zur Hälfte (?) vorgelesen, weil dann Nachtruhe war.
Ich habe den Brief nie wiedergesehen.
Daher hatte ich den Gedanken aufgegeben, je wieder nach Hause zu kommen........die Bilder von zu Hause waren alle schon so weit weg und verblassten.
Ich war so unendlich traurig und alleine.
Aber hier im Krankenhaus war es trotzdem besser, hier wurde ich getröstet, hier war man nett zu mir. Wenn es schon sein muss, dann  konnte ich ja vielleicht hier bleiben.....????
Ich weiß nicht wieviel Zeit verging...Eines Abends kam eine der Schwestern ins Zimmer, holte meinen Koffer unter dem Bett vor und bat mich, mich schnell anzuziehen. Ich würde jetzt abgeholt werden.
Schlagartig waren diese grenzenlose Angst und der furchtbare Druck in meinem Bauch wieder da, denn ich befürchtete, zurück in dieses Heim zu  müssen. Ich habe geweint und mich sehr gesträubt.
Die Worte der Schwester, dass mich mein Vater abholt, drangen nur sehr langsam zu mir durch.
Das Gefühl von Freude, dass sich meine Eltern an mich erinnern, vermischt mit einer furchtbaren Angst davor, dass es eine Lüge ist, spüre ich auch heute noch.
Ich erkannte den Mann am Ende der Treppe nur langsam, aber es war tatsächlich mein Vater. Neben ihm stand ein anderer Mann, es war der Fahrer des Dienstwagens. Mit den Worten: "Jetzt fahren wir nach Hause", nahm er mich an die Hand und stieg mit mir in einen alten Wartburg ein. Mein Vater war zwei Tage auf einer betrieblichen Dienstreise in XXX und hat entschieden, meinem Aufenthalt nun ein Ende zu setzen.
Wir fuhren über Nacht nach Hause. Ich hatte Angst zu schlafen, alles war so unwirklich...
Als meine Mutter am nächsten Morgen meinen Koffer auspackte, war dort  eine kleine Seemannspuppe drin. Sie freute sich, über die Mitgabe der Kurklinik.
Ich habe die Puppe sofort meinem kleinen Bruder geschenkt.

Inzwischen bin ich 64 Jahre alt.

Über die Jahre kamen langsam Erinnerungen zurück und formten ein eher unvollständiges Bild.
Aber die Gefühle die dieses Bild begleiten, sind nach so vielen Jahren noch sehr präsent.....und sie tun noch immer weh.
Die acht Wochen auf XXX haben mein Leben, ja meine Entwicklung geprägt. Mir wurde ein Teil unbeschwerte Kindheit genommen.
Ich habe mein Grundvertrauen in Menschen verloren.
Ich verlasse mich am liebsten nur auf mich und das was ich selbst tue.
Es ist sehr schwer mein Vertrauen zu erlangen. Meine Familie und mein Zuhause sind mir heilig und ich habe Verlustängste.

Vor zwei Jahren habe ich nach einer Recherche das ehemalige Kurheim in XXX gefunden.
Es ist eine schöne alte Villa, saniert und in Privatbesitz/ Ferienunterkunft. Ich stand eine Weile davor und mein Mann fragte mich worauf ich denn warte.
Ich hatte irgendwie gehofft, ich würde auf eine dieser grauen bösen Frauen treffen, um ihr ins Gesicht zu spucken.....

Ich weiß, dass viele andere Kinder noch sehr viel Schlimmeres während dieser Kuraufenthalte miterleben mussten als ich.
Aber auch meine Geschichte soll zur Aufdeckung dieser Zeit dienen und mit dazu beitragen, dass Pädagogik Kinderseelen nicht brechen darf!!!
Ich erwarte nicht, dass irgendjemand für das Geschehene die Verantwortung übernimmt.
Aber es muss zukünftig verhindert werden!

Hinweis: Das Zeitzeugnis wurde in Mecklenburg-Vorpommern eingeordnet.


Die auf dieser Website und in den zugehörigen Social-Media-Kanälen veröffentlichten Berichte beruhen auf persönlichen Erinnerungen ehemaliger Kurkinder in der DDR. Zum Schutz der Privatsphäre wurden alle personenbezogenen Angaben anonymisiert. Bitte beachten Sie, dass die Inhalte emotional belastend sein können. 

Für Inhalte Dritter und externe Links wird keine Haftung übernommen.

Sämtliche Texte, Materialien und künstlerischen Werke unterliegen dem Urheberrecht, einschließlich Projekttitel, Slogan und Zusatztitel. Jegliche Vervielfältigung, Veränderung oder Nutzung der Inhalte für kommerzielle Zwecke ist nur mit ausdrücklicher Genehmigung der Urheberin bzw. des Urhebers gestattet.

Das Teilen der veröffentlichten Inhalte auf Social Media ist erlaubt, sofern die Urheberschaft benannt ist.

Das Projekt mit künstlerisch-dokumentarischem Fokus wird ehrenamtlich und unabhängig betrieben. Ziel ist die Aufarbeitung, Aufklärung und Dokumentation historischer Erfahrungen der DDR-Kinderkuren, um zukünftiges Unrecht zu verhindern.