Vom Verschwiegenen ins kollektive Gedächtnis

Spät- und Langzeitfolgen


Die veröffentlichten Berichte beruhen auf den persönlichen Erinnerungen von Menschen, die als Kinder in der DDR während des Kalten Krieges und in den Jahren danach zur Kur geschickt wurden. Zum Schutz der Privatsphäre wurden Namen, Orte und weitere personenbezogene Angaben anonymisiert oder durch Platzhalter wie [Ort anonymisiert] ersetzt. Textauslassungen sind durch drei Punkte in eckigen Klammern [...] gekennzeichnet.

Alle Schilderungen wurden originalgetreu wiedergegeben und nur zur Wahrung der Anonymität sowie zur besseren Lesbarkeit und Einordnung angepasst. Änderungen sind durch eine Anmerkung der Redaktion kenntlich gemacht.

Die Inhalte geben subjektive Erfahrungen wieder und stellen weder eine rechtliche Bewertung noch eine historische Vollständigkeit dar.

Die Berichte werden mit ausdrücklicher Einwilligung der betroffenen Personen veröffentlicht. Eine Weitergabe, Veröffentlichung oder Vervielfältigung ist daher ohne Zustimmung nicht gestattet. Einen herzlichen Dank an alle, die ihre Erlebnisse vertrauensvoll teilen und den bisher verschwiegenen Geschichten vieler Kinder eine Stimme geben.

*Bisher wurden noch keine Zeitzeugnisse zu den Kinderkuren in Ost-Berlin (DDR) und den DDR-Bezirken Sachsens eingereicht.

Triggerwarnung: Die folgenden Berichte enthalten Schilderungen von psychischer Belastung und physischer Gewalt der Kinderkuren in der DDR; schwere Grenzverletzungen wie sexualisierte Gewalt sind in einem gesonderten Themenbereich dokumentiert. Diese Inhalte können emotional belastend sein.

Bitte achte auf dein Wohlbefinden: Atme einmal tief durch, nimm deinen Körper im Hier und Jetzt wahr und mache eine Pause, wenn es dir nicht gut geht. Du kannst die Berichte in Abschnitten lesen und jederzeit unterbrechen, um dich nicht zu überfordern. 


Sachsen-Anhalt


Auszug aus: Ein intensiver Bericht über Behandlungsansätze und Erziehungsmethoden während des Kuraufenthaltes sowie die heutige Suche in der Aufarbeitung

  • Kurort: DDR-Bezirk Magdeburg
  • Kurjahr: 1976
  • Alter des Kindes: 8-jähriges Mädchen
  • Anzahl der Kurerfahrungen: 1. Kur von insgesamt 1
  • Grund des Kuraufenthalts: zu dünn

„(...) Heute bin ich 58 Jahre alt!
Habe Ängste (die ich mir beigebracht habe, gut zu überspielen) es ist soviel Traurigkeit in mir. Ich kann niemanden sagen „ich habe Dich lieb" - ich kann es niemanden zeigen. Tief in mir bin ich ein sehr einsamer Mensch, ich habe Mauern aufgebaut die ich nicht mag, aber zu meinem Schutz dienen.
Ich habe Alpträume die sich immer sehr ähneln, habe Angst vorm Schlafen – habe schwerste Schlafapnoe.
Ich habe Angst vor schwarzen Löchern, Fahrstühlen und grünen Türen.
Ich habe Angst vorm Alleinsein – lasse aber keine Nähe zu.
Ich vertraue niemanden – lasse mich nur sehr ungern anfassen...
Ich habe Jahrelang getrunken – nur so konnte ich mit anderen Menschen umgehen, Lachen und Spaß haben... (...)“


Bericht eingegangen: Oktober 2025

Bundesland Thüringen

Kinderkur in der DDR 1980er Jahre: Frühkindliche Trennungen, Ängste, Heimweh, bleibende körperliche und seelische Folgen [Auszug aus dem Bericht]

  • Kurort: DDR-Bezirk Suhl
  • Kurjahr: 1980
  • Kurkind: 5-jähriges Mädchen
  • Anzahl der Kurerfahrungen: 1. Kur (insgesamt 2)
  • Grund des Kuraufenthalts: Infektanfälligkeit/Husten“

„[...] Wenn ich jetzt zurückblicke, kommen mir Worte wie seelische und körperliche Misshandlung in den Kopf. Dass mir das auf eine Art und Weise geschadet hat, das war mir schon lange klar. Thema Klaustrophobie, jahrelanges Nägelkauen, noch mehr Verlustängste. Ich habe so lange ich zurückdenken kann oft thematisch wiederkehrende Alpträume. Dort geht es z.B. um fehlende Möglichkeiten, mich zu erleichtern, dass ich von jemandem angekotzt werde oder meine 7 Sachen nicht zusammensortiert bekomme und zu spät zu einer Abreise komme. Wer weiß, was da in den Erinnerungen noch begraben liegt. Ich habe neben der Klaustrophobie auch noch ein paar andere hinderliche Ängste und Befindlichkeiten im Leben, die ich langsam durch- und abarbeite. Ich bin z.B. chronisch autoimmunkrank, hab Migräne, bin hochsensibel, hab ein dysreguliertes Nervensystem und eine Aufmerksamkeitsstörung, auch eine Bindungsstörung und kein Urvertrauen. Ich bleibe hinter meinen persönlichen Möglichkeiten zurück. Ich denke, dass die meisten Themen ihren Ursprung in diesen frühkindlichen Erfahrungen haben oder diese Kur bereits Vorhandenes durch die frühe Krippenzeit verstärkt hat.  

Was so eine Situation tatsächlich für ein kleines Kind in diesem Alter bedeuten mag, welche seelische Belastung, welchen Druck und Überforderung das darstellt, ist mir allerdings erst richtig klargeworden, als ich selbst Mutter geworden bin. Wahrscheinlich war in meinem Fall nicht alles schlecht oder nicht jede Erzieherin unmöglich, aber die 6-wöchige Trennung und das, was dort und in diesem System sonst so alles gelaufen ist, hat allemal gereicht, um Kinder zu traumatisieren. Man war getrennt von den Eltern, ausgeliefert und musste alles, was mit einem gemacht wurde allein aushalten. Mir fällt es sehr schwer, bei diesen Themen gefühlsmäßig tiefer zu gehen. Ich bin eigentlich ein sehr empathischer Mensch, gefühlsbetont, aber hier spalte ich mich irgendwie von mir selbst und den Gefühlen ab. Die Emotionen sind einfach zu viel, wenn ich mir vorstelle, ich war dieses kleine Kind, dem all das widerfahren ist. Und wie muss es erst den Menschen gehen, die dabei noch wesentlich Schlimmeres erlebt haben? [...]“

Hinweis: Das Zeitzeugnis wurde in Thüringen eingeordnet. Nach dieser ersten Kur folgte eine zweite Kur im DDR-Bezirk Rostock. Den Bericht von Oktober 2025 dazu findest du auf den Unterseiten unter Mecklenburg-Vorpommern → Kinderkur in der DDR 1980er Jahre: Jugend, Alltag, Ernährung, Körperbild und soziale Beziehungen.


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Das Projekt mit künstlerisch-dokumentarischem Fokus wird ehrenamtlich und unabhängig betrieben. Ziel ist die Aufarbeitung, Aufklärung und Dokumentation historischer Erfahrungen der DDR-Kinderkuren, um zukünftiges Unrecht zu verhindern.